Dieser Online-Vortrag ist Teil der Reihe zum Eisenbahnjahr 200 und wird vom Seminar zur Transport- und Mobilitätsgeschichte des Institute of Historical Research angeboten. Die Teilnahme ist kostenlos und richtet sich an alle, die sich für Eisenbahngeschichte interessieren.
Während neuere ethnografische Studien zum Alltagsstaat und zur Bürokratieanthropologie verdeutlicht haben, wie Mitarbeiter an vorderster Front die moralischen und affektiven Dimensionen von Regierungsführung verkörpern, blieb der Blick des Ethnografen oft die primäre Perspektive. Weitaus weniger Beachtung fand hingegen, wie diese Mitarbeiter sich selbst in die Geschichte einschreiben – durch Memoiren und autobiografische Fragmente, die als nostalgisch oder unzuverlässig abgetan wurden.
Dieses Seminar widmet sich solchen Selbstdarstellungen und stützt sich dabei auf ausgewählte Memoiren britischer Bahnhofsvorsteher sowie auf mündliche Überlieferungen aus dem Nationalarchiv der Eisenbahn-Überlieferungen (NAROH). Gemeinsam eröffnen sie einen Einblick in die Eisenbahnlandschaft der Mitte des 20. Jahrhunderts – eine Zeit, die Historiker oft als Zwischenphase betrachtet haben, gefangen zwischen der Pracht des viktorianischen Zeitalters und der bürokratischen Strenge der britischen Eisenbahn der Nachkriegszeit.
Bei aufmerksamer Lektüre erweisen sich diese Berichte nicht als bloße Erinnerungen, sondern als Ausdruck eines infrastrukturellen Selbstverständnisses: Reflexionen, durch die Arbeiter die zeitliche Disziplin der Eisenbahn, ihre materiellen Besonderheiten und ihre ethischen Anforderungen verstanden. Die Bahnhofsleitung erscheint als improvisatorisches Handwerk, im Spannungsfeld zwischen Ordnung und Zufall, Regel und Fürsorge – eine Praxis, durch die die Eisenbahn selbst als gelebte Bürokratie verständlich wird.
Nirali Joshi ist Humangeografin mit den Schwerpunkten Staatsanthropologie, politische Geografie öffentlicher Infrastruktur und die soziokulturelle Arbeit im Alltag. Ihr aktuelles Forschungsprojekt konzentriert sich empirisch auf die postkoloniale Eisenbahn. Von 2024 bis 2026 forscht sie im Rahmen des Projekts RAILIMAGE, das die globale qualitative und imaginative Geschichte der Fernreise mit der Eisenbahn im 20. Jahrhundert erforscht.